Deep Insight: Aktien- und Kaptitalmarktrecht aus Perspektive eines Associate

 

Dr. Timm Gaßner ist seit Oktober 2018 als Rechtsanwalt bei Noerr, zunächst promotionsbegleitend in Teilzeit und seit Februar 2020 in Vollzeit. Er berät am Münchner Standort im Bereich Aktien- und Kapitalmarktrecht.

Wie war die Anfangsphase damals bei Noerr, kannten Sie Noerr schon durch eine Mitarbeit zuvor?

Die Anfangsphase würde ich im Nachhinein als turbulent beschreiben, dadurch dass mein (Vollzeit-)Berufseinstieg als Anwalt quasi zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammengefallen ist. Dies hat nach meinem Eindruck damals erheblichen zusätzlichen Beratungsbedarf börsennotierter Aktiengesellschaften im Zusammenhang mit den ersten virtuellen Hauptversammlungen ausgelöst. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem man sich bedingt durch das Home Office in einem völlig neuen Arbeitsumfeld zurechtfinden musste. Die virtuelle Hauptversammlung war damals sowohl für unsere Mandanten als auch für mich und meine Kollegen „Neuland“. Das war dann gleich mein erster Stresstest.

Wie groß ist das Team, mit dem Sie heute regelmäßig zu tun haben und wie funktioniert die standortübergreifende Zusammenarbeit?

Ich arbeite regelmäßig mit zwei bis drei Equity-Partnern aus dem Münchner Büro zusammen. Hinzu kommen drei bis fünf Associates und Associated Partner in München, mit denen ich arbeite.

Standortübergreifende Zusammenarbeit ist genauso selbstverständlich wie die standortinterne Zusammenarbeit in München. Ich habe mehrmals wöchentlich Kontakt mit Kollegen aus den Büros in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf. Der Austausch mit Kollegen aus den anderen Standorten ist einerseits projektbezogen, dient aber andererseits auch dem Austausch von Know How.

Haben Sie regelmäßig Mandantenkontakt und wie gestaltet sich dieser?

Ich habe seit meinem ersten Projekt immer direkten Kontakt mit unseren Mandanten und werde in jede projektbezogene Kommunikation eingebunden. Oftmals bin ich auch unmittelbarer Ansprechpartner für unsere Mandanten. Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich etwas überrascht über die Intensität des Mandantenkontakts und manchmal auch mal ein bisschen nervös, wenn sich Mandanten direkt bei mir meldeten. Der Mandantenkontakt findet aktuell noch hauptsächlich über virtuelle Meetings und Telefonkonferenzen statt, physische Besprechungen sind – jedenfalls seit der Corona-Pandemie – nur selten an der Tagesordnung.

Machen Sie „nur“ Ihr Spezialgebiet und welche Aufgaben landen typischerweise auf Ihrem Schreibtisch?

Mein Fokus liegt ganz klar auf der Beratung (börsennotierter) Aktiengesellschaften, ihrer Organe und Aktionäre, dies füllt etwa ca. 80 % meiner Arbeitszeit aus. Trotzdem habe ich auch die Gelegenheit, „über den Tellerrand“ zu blicken und beschäftige mich z.B. mit allgemeinen Fragen aus dem Personengesellschaftsrecht, mit dem Stiftungsrecht oder unterstütze bei M&A-Transaktionen.

Trotz der starken Fokussierung auf einen Themenbereich ist mein Tätigkeitsbereich breit gefächert. Ich beschäftige mich mit der börsennotierten Aktiengesellschaft von „Anfang bis Ende“. Das beginnt konkret beim Formwechsel in eine Aktiengesellschaft oder SE und dem Börsengang. Anschließend folgt die laufende Beratung der Gesellschaft und ihrer Organe. Wir beraten etwa zu ordentlichen und außerordentlichen Hauptversammlungen der Gesellschaft, zu Fragen der Corporate Governance, zu kapitalmarktrechtlichen Veröffentlichungspflichten, zu Vergütungssystemen und deren Implementierung in die Vorstandsdienstverträge. Hinzu kommen gesellschaftsrechtliche Strukturmaßnahmen aller Art, z.B. SE-Umwandlungen, der Abschluss von Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträgen, Konzernumstrukturierungen, Verschmelzungen etc. Schließlich beraten wir beim Rückzug von der Börse und regelmäßig beim Squeeze-out von Minderheitsaktionären.

Gibt es einen interessanten Trend in Ihrem Bereich?

Aufgrund des günstigen Börsenumfelds haben in diesem Jahr einige Unternehmen den Sprung an die Börse gewagt oder werden dies noch tun. Gleichzeitig räumen viele Gesellschaften Ihre Konzernstrukturen auf und integrieren Aktiengesellschaften vollständig. Dies führt dazu, dass nach meinem Eindruck in letzter Zeit auch vergleichsweise viele Squeeze-outs durchgeführt werden.

Seit wann wussten Sie, dass es das Aktien- und Kapitalmarktrecht sein soll und warum überhaupt?

Ich habe bereits an der Uni den Schwerpunkt Gesellschafts-, Bank- und Kapitalmarktrecht gewählt und bin dem Bereich treu geblieben, obwohl ich mir während Studium und Referendariat verschiedene Rechtsgebiete angesehen habe. Schließlich habe ich auch meine Dissertation im Bereich Aktien- und Kapitalmarktrecht geschrieben. Ich habe mich schon immer für die Börse und börsennotierte Kapitalgesellschaften und die wirtschaftlichen und strategischen Entscheidungen in diesem Zusammenhang interessiert.

Haben Sie oft mehrere Mandate gleichzeitig oder dominiert eines?

Ich habe stets mehrere Projekte gleichzeitig, die allerdings unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Das hängt natürlich immer davon ab, in welcher Phase sich ein Projekt gerade befindet: in den Tagen vor der Veröffentlichung einer Hauptversammlungseinladung oder vor der Hauptversammlung selbst, auf der eine Strukturmaßnahme, wie etwa ein Squeeze-out stattfindet, dominiert natürlich dieses Mandat; ebenso wenn etwa die Beurkundung eines Verschmelzungsvertrags oder eines Umwandlungsplans kurz bevorsteht.

Andererseits ist es auch völlig normal, dass ich an Tagen an drei bis fünf verschiedenen Projekten arbeite.

Warum sind Sie damals bei Noerr gelandet? Warum noch immer hier?

Ich habe mir Noerr gezielt für eine promotionsbegleitende Nebentätigkeit ausgesucht. Die öffentlich verfügbaren Informationen über die Homepage, juristische Fachverlage und Karriereplattformen haben mich damals vermuten lassen, dass die Tätigkeit im Bereich Capital Markets bei Noerr thematisch am besten zu meiner Promotion passt. Noerr ist in diesem Bereich in München sehr gut aufgestellt. Üblicherweise dominieren bei den großen Kanzleien in München vor allem das Private Clients-Geschäft, PE- und klassische M&A-Transaktionen. Das hat sich mehr als bestätigt. Weil es sowohl menschlich als auch thematisch während meiner Promotionszeit bestens gepasst hat, bin ich direkt in ein Anstellungsverhältnis in Vollzeit übergegangen – deswegen bin ich auch heute noch hier.

Was sind aus Ihrer Sicht nützliche Zusatzqualifikationen?

Nützlich scheinen ja aus persönlicher Perspektive meistens solche Qualifikation, die man selbst nicht vorweisen kann. Daher würde ich hier eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung und ein Masterstudium im englischsprachigen Ausland nennen. Zwingend erforderlich ist beides aber sicher nicht.

Um auch Spaß an der aktien- und kapitalmarktrechtlichen Beratung zu haben, ist aus meiner Sicht vor allem ein persönliches Interesse für die Börse und börsennotierte Unternehmen sowie für wirtschaftliche Zusammenhänge wichtig. Professor Möllers, der Leiter meines universitären Schwerpunkts, hat seinen Schwerpunkt immer damit beworben, dass er sich an diejenigen richtet, die privat gerne den Wirtschaftsteil der FAZ oder das Handelsblatt lesen. Das gilt erst Recht für die Arbeit in diesem Bereich.

Warum wollten Sie damals promovieren? Was war die größte positive Überraschung?

Es gab nicht den einen ausschlaggebenden Grund, sondern da haben mehrere Faktoren zusammengespielt. Zum einen fand ich es persönlich schon immer erstrebenswert, einen Doktortitel zu führen, zum anderen fand ich aber auch mein Dissertationsthema, das mir mein Doktorvater vorgeschlagen hat, sehr interessant. Last but not least: Es war ein guter Grund, um nicht direkt mit einem Vollzeitjob zu beginnen. Da einige meiner Freunde parallel promoviert haben oder ihr Examen erst nach mir geschrieben haben, war das natürlich auch noch eine schöne Zeit an der Uni 😉

Hat sich Ihre Promotion und die promotionsbegleitende Nebentätigkeit in Ihrem jetzigen Tätigkeitsfeld beruflich ausgezahlt/als nützlich erwiesen?

Definitiv. Ich habe beim Berufseinstieg von meinem „Vorwissen“ profitieren können und musste (zumindest in manchen Bereichen) nicht ganz bei Null anfangen. Umgekehrt war die Nebentätigkeit bei Noerr auch nützlich für meine Promotion. Nicht nur das praktische Wissen und die wissenschaftlichen Skills, die ich hier erlernt habe, sondern vor allem der fachliche Austausch mit den zuständigen Partnern hat mir sehr geholfen. Die Münchner Partner der Praxisgruppe Capital Markets haben meine Promotion stets aktiv gefördert.

Wenn Sie kein Rechtsanwalt geworden wären, was hätte Ihnen noch gefallen?

Skilehrer oder Investmentbanker.

Wenn Sie es damals gewusst hätten, was Sie heute wissen: was hätten Sie anders gemacht?

Schwierige Frage. Ich bin eigentlich ganz zufrieden, wie mein Studium und mein beruflicher Weg bisher verlaufen ist. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann hätte ich vielleicht ein oder zwei Semester an einer anderen Uni (im Ausland) studieren sollen.

Vielen Dank, Herr Gaßner, für das ausführliche Interview!