„Du arbeitest doch in Teilzeit – und funktioniert das?“

Andrea Zwarg

Dr. Andrea Zwarg | Associated Partner | Corporate M&A | Frankfurt a.M.

Diese Frage begegnet mir regelmäßig, wobei häufig ein „das funktioniert bestimmt nicht“ mitschwingt. Denn ich arbeite – und das mag ein Grund für die teils skeptische Rückfrage sein – im Bereich Corporate & M&A, was offenbar als für Teilzeitmodelle eher ungeeignet gilt.

Bei Noerr arbeiten über alle Senioritätsstufen hinweg derzeit rund 30% der Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit – vom Associate und Senior Associate über Associated Partner bis zum Equity Partner. Die Gründe für und die individuelle Ausgestaltung der Teilzeitmodelle sind vielfältig. Bei mir ist es ein „klassischer“ Grund: nämlich die Betreuung meines Sohnes und der Wunsch, auch unter der Woche Teil seines Alltags sein zu können. Gleichzeitig ist mir aber eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit mit inhaltlich spannenden und herausfordernden Projekten, in die ich mich einbringen und die ich verantwortlich mitgestalten kann, wichtig.

Damit ist das Spannungsbild meiner Teilzeittätigkeit schon recht gut beschrieben. Einerseits die Notwendigkeit einer verlässlichen Struktur und Planbarkeit im Alltag (und zwar im Grundsatz an jedem Tag) und andererseits die Herausforderungen an anwaltliche Beratung, gerade auch in komplexen M&A Projekten, die oft mit hoher Dringlichkeit geführt werden und in denen der Mandant verlässliche und erreichbare Ansprechpartner:innen braucht. Hier zeigt sich ganz typischerweise, dass im Alltag einer Anwältin und eines Anwalts (egal ob in Vollzeit oder Teilzeit tätig) gerade nicht jede Woche und nicht jeder Tag planbar und gleichförmig verläuft.

Kann es also funktionieren?

Aus meiner Sicht ja – wenn einige Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören Flexibilität, Einsatzbereitschaft und eine gute Organisation.

Es braucht einen flexiblen Arbeitgeber, der bereit ist, Freiräume und offene Strukturen zu schaffen und der flexibles Arbeiten ermöglicht und wertschätzt, und es braucht flexible Kolleginnen und Kollegen und ein flexibles Team, in dem der anfallende Arbeitsaufwand und Belastungsspitzen (um-)verteilt werden können. Es braucht aber eben auch und ganz besonders persönliche Flexibilität und damit wiederum einen gewissen Handlungsspielraum, etwa durch flexible Lebenspartner:innen und/oder flexible Betreuungsmöglichkeiten, auf die man ggf. zurückgreifen kann. Und natürlich die Bereitschaft, diesen Handlungsspielraum auch zu nutzen und für ein Mandat einzusetzen. Und dann braucht es im Alltag eine große Portion Organisation.

Bei Noerr im Corporate & M&A sind diese Voraussetzungen erfüllt. Die Teilzeitmöglichkeiten passen sich den individuellen Bedürfnissen an, Home Office schafft zusätzliche Flexibilität und als Großkanzlei bietet Noerr die Infrastruktur, die es erlaubt, Aufgaben zu delegieren, bspw. an Assistenzen, Support Center oder eben auch an Teammitglieder, einschließlich Wissenschaftlich Mitarbeitende und Referendar:innen. Ich habe zudem das Glück, mit Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, die dem Umstand, dass ich eben nicht Vollzeit tätig bin, durchweg offen gegenüber stehen und auch unterstützen. Mir wurde seitens der Equity Partnerschaft jedenfalls bislang in keiner Weise der Eindruck vermittelt, „nur“ in Teilzeit tätig zu sein und deshalb bspw. nicht mehr verantwortlich Mandate betreuen zu können. Letztlich ist dies eher eine Frage der Teamzusammenstellung und Organisation des Mandats und der Termine. Da man typischerweise aber ohnehin immer mehr als ein Mandat betreut, ist es ja auch ganz allgemein keine Seltenheit, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt für Mandat A nicht zur Verfügung steht, weil man bspw. in einem Termin für Mandant B gebunden ist –  nur dass bei mir ein Dauermandat meine familiären Projekte außerhalb der Kanzlei sind.

Ein großer Unterschied zu meinen Kolleginnen und Kollegen in Vollzeit ist, dass ich anders (im Idealfall nämlich langfristiger) planen muss. Der Organisationsaufwand ist schlicht höher und kostet häufig Zeit und oft auch Kraft. Denn natürlich spüre ich auch immer wieder einen Zwiespalt zwischen meinem Job und meinen familiären Verpflichtungen bzw. den Ansprüchen, die ich jeweils an mich stelle.

Also: Funktioniert Teilzeit im Corporate M&A tatsächlich?

Meine Antwort ist: ja. Zwar nicht jeden Tag und manchmal auch nicht jede Woche, aber im Grundsatz funktioniert es, wenn man es will. Deshalb kann ich nur raten, nicht prophylaktisch auf andere, vorgeblich teilzeitfreundlichere Tätigkeiten auszuweichen, sondern dann, wenn man als Anwalt oder Anwältin in einer Großkanzlei und ggf. sogar im Corporate M&A arbeiten will, diesen Weg auch zu gehen, auch wenn absehbar ist, dass man ihn ganz oder teilweise in Teilzeit bestreiten möchte.