Wir sprechen heute mit Dr. Christoph Thiermann, der gemäß Mergermarket als Corporate-Anwalt den ersten Platz in "M&A Germany 2019" und den 2. Platz in "M&A DACH-Region 2019" belegt. Herr Dr. Thiermann ist Partner im Bereich Private Equity bei Noerr in München.

Christoph ThiermannFür alle Nicht-Eingeweihten: Worum geht es bei dem Schlagwort „Private Equity“ überhaupt?

Private Equity umfasst die Anlage von Kapital in nicht-börsennotierte Unternehmen. Investoren sind vor allem Investmentvermögen, die Finanzmittel von institutionellen Anlegern (z.B. Versicherungen, Pensionskassen, Staatsfonds) oder vermögenden Privatanlegern einsammeln, um diese in operativ tätige Unternehmen zu investieren. Ziel der Investments ist stets, eine positive Entwicklung des jeweiligen Unternehmens zu begleiten, um das Unternehmen nach einer gewissen Haltedauer (i.d.R. zwischen 3 und 7 Jahren) gewinnbringend zu veräußern oder an einer Börse zu platzieren.

An welcher Stelle kommen Juristen ins Spiel?

Private Equity Investoren decken innerhalb verschiedener sog. Anlageklassen nahezu den gesamten Lebenszyklus von Unternehmen ab: Von der Gründungs-, Frühphasen- und Wachstumsfinanzierung („Venture Capital“ / „Growth Capital“) bis zum Erwerb eines Unternehmens („Buy-Out“).

Sowohl seitens der Investoren als auch seitens der Eigentümer eines Unternehmens sowie seitens weiterer Beteiligter (z.B. Management) besteht bei sämtlichen Schritten der Bedarf nach rechtlicher Beratung – vom Einsammeln der Gelder auf Investorenseite („Fund Raising“) über die Investition in das Zielunternehmen und die Begleitung während der Investitionsdauer bis hin zur Realisation des Investments im sog. „Exit“.

Welche Besonderheit bringt Ihre Tätigkeit mit sich – etwa im Vergleich zu Anwälten anderer Disziplinen?

Die anwaltliche Tätigkeit im Bereich Private Equity ist – anders z.B. als die Tätigkeit eines Prozessanwalts – eine primär rechtsberatende und gestaltende. Den Kernbereich bildet dabei das Gesellschaftsrecht und die zivilrechtliche Vertragsgestaltung. Daneben sind allerdings abhängig vom Einzelfall auch eine Vielzahl von weiteren Rechtsgebieten entscheidend (z.B. Arbeitsrecht, IP, Finanzierung, Regulierung). Diese gilt es als Rechtsberater im Bereich Private Equity aufzugreifen und letztlich in das finale Vertragswerk einer Investition oder der Veräußerung eines Unternehmens zu überführen.

Neben dem grundlegenden Verständnis für weitere Rechtsgebiete ist die Tätigkeit von einer Vielzahl von wirtschaftlichen und steuerlichen Überlegungen geprägt. Auch diese schlagen sich in der rechtlichen Dokumentation der jeweiligen Investition nieder. Da letztlich kein Unternehmen dem anderen gleicht, ist die Tätigkeit sehr abwechslungsreich und birgt stets neue Herausforderungen. Befeuert wird dieses vergleichsweise junge Gebiet durch immer wieder neue Entwicklungen seitens des Gesetzgebers (z.B. erhöhte Regulierung u.a. durch die AIFMD und das KAGB).

Über die rein fachlichen Anforderungen im Bereich Private Equity hinaus, birgt die Tätigkeit nicht zuletzt auch eine starke persönliche Komponente: Ein zentraler Bestandteil ist die Interaktion mit einer Vielzahl von Parteien mit zum Teil stark unterschiedlichen Interessen. Die Analyse und Berücksichtigung dieser Interessen ist unabdingbarer Bestandteil für das Zustandekommen jeder Transaktion.

Gibt es spezielle Kenntnisse und Kompetenzen, die man für diesen Bereich mitbringen sollte?

Zusätzlich zu einer sehr guten juristischen Qualifikation, idealerweise mit Schwerpunkt im Gesellschaftsrecht, erfordert eine anwaltliche Tätigkeit im Bereich Private Equity verhandlungssichere Englischkenntnisse. Im besten Fall werden diese vor dem Berufseinstieg vertieft durch einen längeren Aufenthalt im englischsprachigen Ausland (z.B. Auslandssemester, LL.M. oder Station im Referendariat). Dies kann ggf. auch im Rahmen eines Secondments im Ausland erfolgen.

Nicht zuletzt ist ein Interesse an wirtschaftlichen Sachverhalten erforderlich. Soweit auch hierbei bereits Vorkenntnisse erworben werden können (z.B. durch Nebenfachstudium, Schwerpunktbereich oder freiwillige Vorlesungen), ist dies hilfreich. Das hat nicht nur fachliche Gründe, sondern ermöglicht, überhaupt „die Sprache“ der Mandanten und übrigen Beteiligten zu verstehen und in dem jeweiligen Projekt umsetzen zu können. Üblicherweise erfolgt die Ausbildung in diesem Bereich vor allem „on the Job“ und zusätzlich über spezifischer auf Private Equity zugeschnittene Fortbildungsprogramme.

Und wie sieht es mit besonderen social Skills aus?

Die Teams auf allen Seiten der Beteiligten einer Private Equity Transaktion setzen sich aus Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammen (u.a. Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Investmentbanker). Dies erfordert ein hohes Maß an Teamarbeit und Kommunikation. Da die Fäden einer Transaktion bei dem Private Equity-Anwalt zusammenlaufen, ist eine starke Organisationsfähigkeit sehr vorteilhaft. Diese und andere Fähigkeiten (z.B. Verhandlungsführung, Prozessmanagement, Rhetorik und Präsentationen) sind idealerweise ebenfalls Teil berufsbegleitender Fortbildungsprogramme.

Haben Sie einen Tipp für interessierte Nachwuchs-PEler?

Da die juristische Ausbildung nicht speziell auf das Gebiet Private Equity ausgerichtet ist, bietet es sich an, möglichst frühzeitig z.B. im Rahmen eines Praktikums, einer Station im Referendariat oder als wissenschaftlicher Mitarbeiter einen Einblick in diese spannende Materie zu nehmen. Wertvoll sind solche Praxiserfahrungen natürlich nicht nur unter „Kompetenzgesichtspunkten“, sondern vor allem auch, um sich ein persönliches Bild vom Charme und Reiz der Aufgaben & Akteure dieser speziellen Praxis zu machen.

Vielen Dank, Herr Dr. Thiermann!